Don’t mess with Hess

27. Dezember 2012

Schöne Platten 2012

Platz 1: Dexys „One Day I’m Going To Soar“
Das Thema Covergestaltung wurde in den letzten Wochen bereits mehrfach erörtert. Die Dexys wählten für ihr erstes Album seit 1985 die Varianten, „schlecht ausgeleuchtet“, „irgendwie dunkel“, „unscharf“ und „warum steht die Frau da rum?“. Dennoch, die Titelprophezeiung erfüllte sich zumindest in England bereits in diesem Jahr. Kevin Rowland steht wieder da, wo er Anfang der 80er schon einmal war: ganz oben. Gegen das Album bleibt einzuwenden, dass es ohne das Wissen um die Live-Inszenierung nicht seine ganze Pracht entfalten kann. Die Frau, die da rumsteht, ist Madeleine Hyland und der weibliche Gegenpart zur Figur Kevin Rowlands, der auf „One Day I’m Going To Soar“ sein Leben Soulrevue passieren lässt. So entsteht eine Läuterungsshow zwischen den Polen „Je ne regrette rien“ und „What Kind of Fool Am I“, zwischen Al Green, Roxy Music und Chairman of The Board. Und für den Zuschauer entfaltet sich das unterhaltsamste Beziehungsdrama seit Taylor–Burton. Kommerziell ist „One Day I’m Going To Soar“ ein gelungenes Himmelfahrtskommando, künstlerisch ist es das beste Dexys-Album seit mindestens 27 Jahren. dexys

Platz 2: Fehlfarben „Xenophonie“
In Zeiten, in denen deutsche Musikpreise nach Nazi-Showgrößen benannt werden, in denen das Musik schaffende Künstlertum mittels Wettbewerb von in die Jahre gekommenen Jugendmusikzeitschriften dazu animiert werden muss, Protestsongs zu schreiben – also quasi zum Demonstrieren auf die Straße getragen werden muss –, in Zeiten, in denen der Großteil der deutschen Musikpresse in den Fängen anstandsloser und revanchistischer Verlagshäuser wie dem des Springers beheimatet ist, in Zeiten, in denen man vom end- und trostlosen Elend der hiesigen Musikszene gezwungen wird, end- und trostlose Einleitungssätze zu verfassen, in solchen Zeiten also ist ein Album wie das aktuelle der Fehlfarben der Silberstreif am sich von Jahr zu Jahr immer mehr verfinsternden Erwartungshorizont.
Vielleicht wird man auch selbst alt.
Davon kann Peter Hein, der alte Rank-Xerox-Rocker, ein paar Lieder singen. Auf „Xenophonie“ tut er alles, um sich in den ihn umgebenden Fremdklängen zurechtzufinden:
„Ich muss schon lange nicht mehr probieren
die Lage, wie sie ist, zu kommentieren
Ich hab doch lang genug gelebt vom Kopieren
Um jetzt noch den Durchblick zu verlieren.“
Erfahrung rules! Nein, Gevatter Hein blickt durch, denn er weiß, wonach er suchen muss, wo die Koordinaten in diesem Land zu finden sind, zwischen Analyst und Antichrist, zwischen Arbeitsagentur, Laubgebläse und Keyaccountsanierung. Lyrisch ist Hein eine Wucht, musikalisch abwechslungsreich wie nie, politisch der einzig Aufrechte unter den Duckmäusern des Mittelmaß. Vergesst die Monarchie, vergesst den Alltag, die „Xenophonie“ isses!
fehlfarben

Platz 3: Jonathan Jeremiah „Gold Dust“
Viel gibt es über Jonathan Jeremiah nicht zu berichten. Er ist, je nach Quelle, 1980 oder 1982 in London geboren, lebte lange in den USA, kehrte nach England zurück, um Singer/Songwriter zu werden. Zwischenzeitlich soll er als Wachmann gearbeitet haben. Vergangenes Jahr erschien sein Debüt „A Solitary Man”, mit dem er sich als Neil Diamond der iGeneration empfahl. „Gold Dust“ ist sein zweites Album. Anja meint, der Mann wirke „erfüllt verliebt“, Frauen würden gerne von ihm besungen werden. Männer indes wissen: Wer solche bombastisch schönen Lieder für die Ewigkeit komponiert, wer mit so viel Feingefühl, so viel Grandezza, so viel Geschmackssicherheit zu Werke geht, möchte gerne verliebt sein oder war es gerade. Solche Lieder spiegeln nicht die Gegenwart, sie gehören der Zukunft oder, was schwerer wiegt, der Vergangenheit. Muss man sich über Jonathan Jeremiah deswegen Sorgen machen? Eher nicht. Schlimmstenfalls könnte er auf der Straße mit Jesus verwechselt werden, was bis auf wenige Tage im Jahr gefahrlos bleibt. Auf Platte hat er seine göttliche Abstammung längst bewiesen.
jon

Platz 4: Kid Kopphausen „I“
„Der Tag ist dein Geschenk, er ist nur scheiße verpackt.“
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Platz 5: Rufus Wainwright „Out Of The Game“
„Out Of The Game“ – das dachten viele auch über Rufus Wainwright, nachdem er sich über die letzten Jahre mit Judy-Garland-Tributes, Opern, Theatermusiken und Shakespeare-Sonetten beschäftigte. Doch dann, kaum ist der Mann Vater geworden, meldet er sich mit Grandezza, Übermut und Stolz zurück auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten. Und das obwohl sein frisch angetrauter Mann, der Berliner Jörn Weißbrodt, einen halben Kopf größer ist und eine ziemliche Boxernase hat.
rufus

Platz 6: Beach House „Bloom“
Neben vielen Comebacks und Alterswerken gab es 2012 eine angekündigte Rückkehr, die von mir am allerwenigsten erwartet worden wäre. Liz Fraser, in deren Stimme ein BBC-Moderator einst „the voice of God“ zu hören meinte, trat beim Meltdown-Festival auf. Die ehemalige Sängerin der Cocteau Twins kündigte sogar ein Soloalbum an (es wäre ihr erstes), das allerdings auf sich warten lässt. Bis zum Erscheinen tröstet sich die weltweite Cocteau-Twins-Gemeinde mit Beach House, deren Album „Bloom“ das Dreampop-Revival zu einem vorläufigen Höhepunkt führte. Das Duo aus der „Wire“-City Baltimore folgt bislang am erkennbarsten den emotionalen Klangmustern der Cocteau Twins. Ein Mehr an Pop und ein Weniger an dunklen Gothic-Disco-Bässen machen Beach House mehrheits- und sogar kinderkompatibel. Dass Liz Frasers Stimme immer noch in ganzen anderen Sphären erklingt als die von Beach-House-Sängerin Victoria Legrand, macht dabei gar nichts. Für einen Einstieg hat’s gereicht.
beach

Platz 7: Lee Ranaldo „Between The Times & The Tides“
Ist es ein Ausdruck von Reife, mit 56 Jahren ein Rockalbum aufzunehmen? Ist es ein Beweis der Rebellion, das all die Jahre zuvor versäumt zu haben? Wer bislang an Soloalben des Sonic-Youth-Gitarristen dachte, hörte experimentellen Lärm und atonales Noise-Gefrickel. Ranaldo war der Mann für das Avant der alten New Yorker Garde. Doch für „Between The Times & The Tides“ tauchte Ranaldo tief in die Gitarrenrockgeschichte ein und damit auch in die seinige. So erinnern die ersten Töne des Openers „Waiting On A Dream“ ganz profan an „Paint it Black“, um danach in der flirrenden Vielschichtigkeit seiner Stammband aufzugehen. „Between The Times & The Tides“ ist im Grunde ein Sonic-Youth-Album. Es könnte aber auch von Neil Young, den Doors, den Stones, den Byrds oder REM stammen.
lee

Platz 8: Poliça „Give You The Ghost“
Muss man Kate Bush und Liz Fraser mögen, um Channy Leaneaghs Bühnengebahren als notwendige Unterstützung ihrer Musik zu verteidigen? Leaneagh ist Sängerin der US-Band Poliça, die seit diesem Jahr mit dem Ruf leben muss, die Lieblingsband von Justin Vernon aka Bon Iver zu sein. Auf der Bühne macht sie das, was viele ihrer Sangeskollegen in Ermangelung eines händisch zu bedienenden Instruments machen: Sie hampelt ein wenig exaltiert auf der Bühne rum und wedelt mit den Armen. Das kann man albern finden oder nicht. Fest steht: mittels Akrobatik, viel Auto-Tune auf der Stimme und zwei Schlagzeugern liefern Poliça ein ähnlich (ein)dringliches Debüt, wie es die von der Herangehensweise (emotionale Erpressung, sofortige Ohrwurminfektion, unverstandene Sängerin) nicht unähnlichen Throwing Muses einst hinlegten.
polica

Platz 9: Levek „Look A Little Closer“
Die viel zitierte örtliche wie zeitliche Allgegenwart der Musik in Zeiten des Internets – alles ist für jeden jederzeit verfügbar – führt konsequenterweise auch die Musiker auf immer verschlungenere Pfade durch das plötzlich sich lichtende Dickicht der Musikgeschichte. So ist es möglich, dass 2012 ein Busfahrer aus Florida namens David Levesque alias Levek ein Stück veröffentlicht, das in seiner ganzen Klangästhetik so auch 1969 irgendwo in der englischen Provinz von einem schwermütigen Kunststudenten hätte geschrieben worden sein können. Ein anderer Song beginnt wie ein vergessenes Beach-Boys-Juwell, um dann die Polyrhythmik von Animal Collective zu entdecken und schließlich als Hommage an Ennio Morricone auszuklingen. Leveks Verweishorizont ist scheinbar unbegrenzt. Und indem er die Sounds ihres historischen Kontextes beraubt, stellt er nicht nur die Linearität der Geschichte infrage. Auch die Idee des Musikers und Autors als Chef seines eigenen Œuvres. „Die Idee war“, so Levek, „ein Album zu machen, von dem ich immer wollte, dass es andere machen.“ In diesem Fall eine Supergroup aus Brian Wilson, Nick Drake, Isaac Hayes, Caetano Veloso, Ennio Morricone, Burt Bacharach und Air.
levek

Platz 10: Bob Young „Tempest Pill“
Macca rockt mit Nirvana, Kevin Rowland ist younger than ever, Van Morrison hat sich erholt und Bob Dylan und Neil Young liefern die besten Alben seit sehr, sehr langer Zeit ab – 2012 war ein gutes Jahr für alte Säcke. Wobei Dylan und Young beide das Epische für sich wiederentdeckten und gleichzeitig mit unendlich langen Stücke eine Überlebensmöglichkeit für das Albumformat aufzeigen. Dylans 13-minütiges Titelstück und drei von Youngs Songs (das längste über 27 Minuten lang) sind zumindest bei iTunes nicht einzeln, sondern nur als Album-Bundle erhältlich. Aber wer ist nun besser: Bob oder Neil?
Bob Young

Platz 11: Chilly Gonzales „Solo Piano II“
Der Soundtrack fürs Neobürgertum, Teil zwei. Oder: So siehtʼs aus bei uns zu Haus. Neulich mit meinem Lieblingskneipier um zwei Uhr morgens über Klaviermusik gesprochen: Die neue Chilly Gonzales sei ja so schön. Und überhaupt Klaviermusik. Ich empfahl Fazil Say, der nicht nur gern mit der türkischen Regierung kämpft, sondern vor allem mit seinem Flügel, dessen Saiten er auch schon mal mit Fäusten traktiert. Da wären wir dann schon fast wieder beim Rock’n’Roll, „Great Balls of Fire“ und so. Was ist also das Faszinierende an Chilly Gonzales, der seine Saiten eher streichelt und sich im Übrigen Weltrekordinhaber im Dauerklavierspielen nennen darf? „Solo Piano II“ ist Klassik ohne Klassik, ist Pop ohne die Modernismen, die das 20. Jahrhundert so hervorgebracht hat. Kurzum: Nostalgischer geht’s nimmer. Oder, um es mit Neil Young zu sagen: „That old-time music used to soothe my soul“.
chilli

Platz 12: Lana del Rey „Born To Die“
Ja, auch das war 2012. Auf einem schlammigen Festivalgelände zu stehen und zusammen mit ein paar Tausend gummibestiefelten englischen Teenies ein Phänomen zu bewundern, welches das Jahr mit einem unüberhörbaren Gongschlag einläutete, dem im Laufe der Monate aber irgendwie die Luft auszugehen schien. Als hätte man der armen Frau in die Schlauchbootlippen gepikst. Dennoch, ich mag die Platte. Ästhetisch eine Art retrosichtige Zukunftsvision ist sie für mich stimmungsmäßig das Sequel zu „Melancholia“, diesem rauschhaft schönen Film von Lars von Trier.
lana

6. April 2011

Marc Fischer 1970-2011

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Ein Freund
Es war das höchste Kompliment, das Marc Fischer einem Menschen machen konnte. Und es war gleichzeitig sein häufigstes: „Du bist ein Freund“ rief er zwischen dauerhaftem Übermut und eben mal Hereinschneien, zwischen zwei Bieren, zwischen Redaktionsschluss und Jetlag. Oder auch: “Du bist ein echter Freund” – als ließe sich Freundschaft in ihrer Wertigkeit je nach Belieben und Wetterlage steigern. Marc konnte das, und irgendwie glaubte man ihm. Dabei war es nicht immer leicht, Marcs Freund zu sein. Er war so verlässlich wie ein guter Hamburger Sommer. Für jeden sonnigen Tag ließ er einen zehnmal im Regen stehen. Sein “Du bist ein Freund” war nach ein paar Jahren patschnass und löste sich folglich in bloßes Wohlgefallen auf.
Kennenlernen taten wir uns Anfang der 90er-Jahre, wir studierten, Marc machte ein Praktikum, ich glaube bei “Prinz”. Nebenbei schrieb er für das Britpop-Fanzine “Panic”, ich sammelte erste Schreiberfahrung bei dem Kultur-Fanzine “Glasz”. Beide Magazinen erschienen sehr unregelmäßig, Marc und ich wollten öfter schreiben, also gründeten wir was Kleines für zwischendurch - xxs. Das erste Heft erschien im November 1993. Marc hatte die New Yorker Band Luscious Jackson interviewt, und warum er die so toll fand, verriet er gleich im ersten Satz: “Geschichtenerzähler sind das, Märchentanten”. Denn Marc Fischer war selbst der größte Geschichtenerzähler. Egal wie grau und eintönig der Alltag sein konnte, Marc schien alles durch ein kunterbuntes Kaleidoskop zu sehen, in dem sich die Dinge je nach Blickwinkel und Neigungsgrad zu immer neuen Deutungsmustern zusammensetzten. Langweilig war es mit ihm nie. Dass es ihm einmal langweilig werden sollte, daran mochte niemand glauben. Weder damals noch gestern, als die Nachricht von seinem Tod die traurige Runde machte. Wir sind uns in den vergangenen 15 Jahren nur noch ein halbes Dutzend Mal über den Weg gelaufen. Seine Karriere vom Praktikanten zum Starreporter verfolgte ich mit einer Mischung aus Neugierde (Geschichten von unzähligen Reisen), Neid (Seele baumeln lassen mit Kate Moss, mit Björk aufm Dach etc.) und Verwunderung (Artikel in “Welt”, “Bild am Sonntag” und ähnliche Verirrungen im Boulevarddickicht) und irgendwann mit Desinteresse (will der immer so weiterleben?). Ne, wollte er nicht. Bei einem unserer letzten zufälligen Treffen schlug er vor, xxs wieder aufleben lassen. Eine Jubiläumsnummer sollte her. 16 Jahre, 20 Jahre xxs, irgendwas würde uns schon einfallen: ” … and who are we not to do our own jubiläum, no?” Ja, Marc hätte sicher noch ein paar Geschichten zu erzählen gehabt. Er wird sie jetzt woanders erzählen.
marc1

20. Dezember 2010

Das schöne Dutzend: Platten aus 2010

    Belle & Sebastian „Write About Love“ (Rough Trade)
    Wie immer eine Bank. Diese Menschen können keine schlechte Musik machen.

    Belle & Sebastian „Write About Love“










      Deerhunter “Halycon Digest” (4AD)
      Seltsam verschwommene Erinnerungsfetzen an die wohligen Gefühle, die man mit seinen popmusikalischen Lieblingsthemen verbindet. Verstörende Nostalgiegelüste revisited.



        Donna Regina “The Decline of Female Happiness” (Karaoke Kalk)
        Was für B&S gilt, gilt natürlich auch für Regina und Günther Janssen. Das vielleicht dienstälteste deutsche Elektronikduo vertraut immer mehr dem Song. So wie seit einigen Jahren die ganze Szene.
        Donna Regina "The Decline of Female Happiness"



          Dylan LeBlanc „Paupers Field“ (Rough Trade)
          Trotz des verräterischen Vornamens: das beste Americana-Album des Jahres
          Dylan LeBlanc „Paupers Field“

          Dylan LeBlanc „Paupers Field“







            The Fall „Your Future Our Clutter“ (Domino)
            Selten war Mark E. Smith so wertvoll wie 2010.
            The Fall „Your Future Our Clutter

            The Fall „Your Future Our Clutter








              Groove Armada „Black Light“ (XL Recordings)
              Unerwartet spannendes Comeback der einst etwas prolligen Houseboot-Crew.
              Groove Armada "Black Light"





                Rox „Memoirs“ (Rough Trade)
                2010 hätte eigentlich ihr Jahr werden müssen. Hat leider nicht ganz geklappt. Dafür wird man sie wohl noch in 20 Jahren kennen.
                Rox „Memoirs“

                Rox „Memoirs“






                  Rumer „Seasons Of My Soul“ (Atlantic)
                  Diese Platte wird zu Weihnachten 2011 hierzulande unter jedem zweiten Weihnachtsbaum liegen, spätestens nämlich dann, wenn aurale Terrorkommandos vom Schlage NDR 2 in Rumer die neue “Queen des Loungs-Sounds” oder ähnlichen Quatsch entdeckt haben werden. Dass sie das 2010 noch nicht konten, ist der Entscheidungsfreudigkeit der hiesigen Dependance des Labels Atlantic, WEA, zu verdanken, die wie so oft lieber erst mal wartet, wie sich die Platte im Ausland “entwickeln” wird, bevor sie sie auf deutsche Ohren verteilt. Denen entgeht bis dahin die schönste Annäherung an die Carpenters seit, ja, Karen Carpenter.
                  Rumer „Seasons Of My Soul“

                  Rumer „Seasons Of My Soul“







                  Kristof Schreuf “Bourgeois With Guitar” (Buback)
                  Siehe Eintrag vom 14. März 2009.




                  Kristof Schreuf

                  Kristof Schreuf




                    Tocotronic “Schall und Wahn” (Vertigo)
                    Bourgeois with Band. Aus dem selbst gewählten Elfenbeinturmverließ in (vermutlich) Berlin-Mitte dringen dennoch sehr populäre Töne von Lowtzow und Co. Dass Tocotronic von einem neu inszenierten Hamburger Musikpreis namens “Hans” (benannt nach dem beliebten NS-Schauspieler Hans Albers) zur besten Hamburger Band gewählt wurde, zementiert die Stellung der Hansestadt als Provinzkapitale für Jahre.
                    Tocotronic "Schall und Wahn"


                      Villagers “Becoming a Jackal” (Domino)
                      Überraschend gutes Album des des irischen Singer/Songwriters Conor J. O’Brien.
                      Villagers Becoming a Jackal

                      Villagers Becoming a Jackal




                        Kanye West “My Beautiful Dark Twisted Fantasy” (Roc-A-Fella Records)
                        Na, geht doch, Großmaul!
                        Kanye West "My Beautiful Dark Twisted Fantasy"

18. März 2010

Alex Chilton (28. 12. 1950 – 17. 3. 2010)

Abgelegt unter: Musik — Tags: — admin @ 22:51

Alex Chilton
Won’t you tell your dad get off my back?
Tell him what we said ’bout “Paint It Black”
Rock and roll is here to stay,
Come inside now it’s ok

14. März 2010

Bourgeois With Guitar

Woody Guthrie hatte in den 30er/40er-Jahren diesen berühmten Satz in dicken Lettern auf seiner Gitarre stehen: This Machine kills Fascists. Ein später Widergänger des notwendig radikalen US-Folksängers ist Kristof Schreuf. Der sang früher bei Kolossale Jugend, den Architekten der Hamburger Schule, und später bei der Band Brüllen. Danach sah man ihn manchmal nachts im Fernsehen, wo er in seltenen Popsendungen Genreklassiker zur Gitarre gab. Einmal las er gar beim Bachmannpreis in Klagenfurt. Letzteres lief ganz ohne Blutvergießen ab, und wer weiß, vielleicht wäre Schreuf sonst schon längst ein Star des Feuilletons. Auf „Bourgeois With Guitar“, seinem ersten Soloalbum, tötet Schreuf keine Faschisten, er bettet lediglich alte Popsongs um. Und dabei kommen einige Musikknochen durcheinander. Die zwölf Lieder klingen bis auf das Titelstück allesamt merkwürdig vertraut: Namen flirren einem im Kopf rum: Christopher Cross, Rolling Stones, Donna Summer, The Who, Nick Straker Band, Eric Burdon, Neil Young, The Doors, Indeep, Television, Paul Simon, Judas Priest, Iggy Pop und natürlich AC/DC. Schreuf borgte sich Text und Melodiefragmente und fügte sie neu zusammen. So beginnt das Album mit „My Generation“ zur Melodie von „Scarborough Fair“, dann folgt Iggy Pops „Search & Destroy“ zur Melodie von „The End“ der Doors. Was die Gema und die großen Verlage davon halten, möchten die Gema und die großen Verlage hoffentlich nie wissen. Alle anderen berauschen sich an der ungeahnter Musikalität des Verbalkünstlers, dessen Stimme stellenweise wie die von Tobias Levin klingt, der das Ganze als Krönung auch tatsächlich produziert hat. Chapeau!

Bürger mit Gitarre

Bürger mit ohne Gitarre

26. Februar 2010

The Wonder Show Of The World

Abgelegt unter: Musik — Tags:, , , — admin @ 16:00

Sein Humor war ja schon immer berüchtigt, und auch in Zukunft wird Will Oldham alias Bonnie “Prince” Billy wohl kaum damit rechnen dürfen, von Alice Schwarzer zum Tee empfangen zu werden.

Wobei die Frage, wem dieser Hintern tatsächlich gehört, allerlei Vermutungen weckt. Heißester Kandidat: natürlich Kevin Rowland.

Kevin Rowland

Kevin Rowland

29. Dezember 2009

Ein gutes Dutzend – Zwölf schöne Alben aus dem Jahr 2009

1. Bill Wells And Maher Shalal Hash Baz „GOK“ (Geographic/Domino)
wells1

Über die Kunst des Fehlermachens soll Thelonious Monk einmal gesagt haben: „There are no wrong notes on the piano, just better choices“. Das könnte auch das Motto des schottischen Bassisten Bill Wells sein, der 2009 mit „GOK“ seine zweite Arbeit mit der japanischen Band Maher Shalal Hash Baz vorlegte. Der Japaner Tori Kudo gründete Maher Shalal Hash Baz vor circa 20 Jahren, Einflüsse reichten von T. Rex bis Syd Barret, Mitglieder kamen und gingen, man veröffentliche Kassetten, die irgendwann mal in Europa landeten. Bill Wells macht aus Maher Shalal Hash Baz ein Miniorchester der Langsamkeit und der Fehler. Seine an Satie erinnernden Kompositionen werden von den Streichern und Bläsern des Ensembles mehr begleitet als gespielt, Töne werden nicht getroffen, das Tempo bis zum scheinbaren Stillstand verschleppt. Und doch geht von dieser Musik ein zarter, unendlich liebevoller Zauber aus, wie man ihn sonst nur bei Robert Wyatt oder bei Jazzgrößen wie eben Monk oder den späten Duke Ellington findet. Die Aufnahmen zu „GOK“ entstanden 2004 in Tokio. Titel und Reihenfolge sind identisch mit dem damals bei einer anderen Session eingespielten Album „Osaka Bridge“, das 2006 erschien.

2. The XX „XX“
xx
3. Speech Debelle „Speech Therapy“
speech
4. Animal Collective „Merriweather Post Pavilion“
ac
5. God Help The Girl „God Help The Girl“
god
6. Benjamin Biolay „La Superbe“
bb1
7. Lily Allen „It’s Not Me It’s You“
lily
8. Yo La Tengo „Popular Songs“
ylt
9. Dirty Projectors „Bitte Orca“
dp
10. Staff Benda Bilili „Tré Trés Fort“
staff
11. Mocky „Saskamodie“
mocky
12. Jochen Distelmeyer „Heavy“
heavy

15. Dezember 2009

Wes’ Filmförderung ich kassier, des’ Markenlied ich sing

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Oder war es einfach nur dumpfe Heimatliebe, die Fatih Akin dazu bewog, auf dem Cover des Kampfblatts der Hamburger Marketing GmbH zu posieren? So dackeläugig und armverschränkt sieht man ihn selten. Viel leidenschaftlicher hat er in letzter Zeit seinen gentrifizierungskritischen Hamburgfilm “Soul Kitchen” promotet, nebenbei viel Sympathie für die Gängeviertel-Besetzer aufgebracht und die Aktion “Not in our Name, Marke Hamburg” mit Plattenauflegen unterstützt. Am Ende aber zählt halt doch nur das Ergebnis: Any promotion is good promotion.
markeakin

10. Dezember 2009

Pet Shop Boys in Hamburg

Abgelegt unter: Musik — Tags: — admin @ 20:38

Gestern bei den Pet Shop Boys gewesen. Geweint.

psb

29. November 2009

Deutsche!

Abgelegt unter: Allgemein — Tags:, , , — admin @ 22:32

… und von Euch vor allem die Spiegel-Leser, denn die wissen ja bekanntlich mehr: “Wann dürfen Deutsche töten?” titelt das Stammblatt des deutschen Nationalliberalismus anno 2009 in seiner 49. Ausgabe, und man hat ein wenig Angst vor der Antwort. Hätten die Herrn Redakteure von der Brandstwiete (haben die eigentlich gedient?) rechtzeitig die Dutzenden Zivilisten gefragt, die am 4. September irgendwo in Afghanistan das Pech hatten, sich in der Nähe zweier Tanklastwagen zu befinden, so wären die sicher begeistert gewesen, zwar von amerikanischen F15-Bombern, aber immerhin auf deutschen Befehl hin pulverisiert zu werden.
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